Inbetween Colours

von Jane Withers

„Olympisches Blau, Antwerpen-Blau, Calamine-Blau, Nil-Blau.“ Wir sitzen im Showroom von Kvadrat in Mailand — eine glasig-grüne Unterwasserwelt, entworfen von dem japanischen Architekten Toyo Ito –, während Giulio Ridolfo für Canvas neue Farben durchblättert und die Namen verschiedener Blautöne in seinem Mund rollt. „Es ist so schön: die Farbe des Pulvers auf Schmetterlingsflügeln.“

Canvas — ein von Ridolfo entworfenes Textil — wurde 2012 erstmals von Kvadrat produziert. Das My Canvas-Projekt für das London Design Festival 2017, zu dem 19 aufstrebende Designer eingeladen wurden, frei mit dem Textil zu spielen, feiert eine neue Farbpalette für Canvas, die Anfang des Jahres auf dem Salone del Mobile in Mailand vorgestellt wurde. Bei der Schaffung dieser neuen Palette „war die Idee, eine Art Alphabet zu erfinden, wo ich die Fähigkeiten von Zwischentönen zeigen konnte: die Töne, die subtiler sind, versteckter als die dominierenden Farben“, erklärt Ridolfo.

Die Beziehung zwischen Kvadrat und Ridolfo geht auf das Jahr 2004 zurück, als er der erste Italiener war, der mit dem Designteam von Kvadrat zusammenarbeitete und das, was er als „italienisches Auge“ beschreibt, in die nordische Designkultur brachte. Oberflächlich betrachtet mag das wie eine diplomatische Verbeugung erscheinen, um eine Verbindung zwischen den beiden „Supermächten“ des europäischen Designs herzustellen. Aber für Ridolfo, der Farbe als einen tief verwurzelten Ausdruck von Kultur und Haltung ansieht, ist das Neufärben von Canvas eine Übung, Farbe für subtileren kulturellen Austausch zu öffnen und vorzuschlagen, wie wir uns auf intimere und nuanciertere Weise mit ihr verbinden können.

Der Name Canvas verweist sowohl auf die Tabula Rasa des Künstlers als auch auf die Nützlichkeit eines Textils, das üblicherweise für Segel, Zelte und Arbeitskleidung verwendet wird. Dies spiegelt sich im Aufbau des Textils wider: ein relativ voluminöses und weiches Gewebe, das Canvas ein entspanntes Gefühl gibt. Ridolfo vergleicht es mit einer Khaki-Hose: Es ist ein normales Textil, das einfach zu benutzen ist. Es passt gut zu anderen Stoffen. Der Designer beschreibt Canvas als „Cool Wool“: ein technischer Begriff für leichte Wollstoffe für Herrenanzüge, die von norditalienischen Herstellern hergestellt werden. In Bezug auf Einrichtungsstoffe ist es „weniger wollig“ als die dickeren nordischen Textilien, die entwickelt wurden, um in einem kalten Klima sowohl emotionale als auch physische Wärme zu erzeugen. Aus der Ferne hat Canvas die ruhige Oberfläche eines einfarbigen Textils, aber wenn man genauer hinschaut, werden die schimmernden Kontraste mehrerer Farbtöne sichtbar.

Die reiche Farbgebung von Canvas liegt unter dem Gewebe, im Garn selbst. Die Herstellung eines neuen Garnes für die industrielle Textilproduktion ist ein komplexer, hochentwickelter Prozess. Das für Canvas verwendete Melangegarn ist ein Kvadrat Patent, das das Unternehmen als Familiengeheimnis beschreibt, aber es ist das Hinzufügen der Farbe zur Faser zum frühestmöglichen Zeitpunkt, wobei Farbe mit der Wollfaser kombiniert wird, bevor sie zu einem Garn gesponnen wird, was Canvas seine Lebendigkeit verleiht. Designerin Stine Find Osther von Kvadrat erklärt: „Es können Farbe und Wolle so auf die sauberste Art und Weise verschmolzen werden. Die in diesem Stadium gefärbte Wolle ist intensiv und sehr präzise, von den kräftigen Farben bis zu den weichen und fast unsichtbaren Tönen. Nach dieser Phase beginnen wir, die verschiedenen Töne in einem kleinen Bouquet zusammen zu mischen: Wir schaffen einen Reim mit den Farben im Garn.“ Bei Canvas — und seine Geschwister Remix und Recheck — besteht jedes Garn aus bis zu drei Farben, die zu einem Strang zusammengefügt werden. Mit zwei verschiedenfarbigen Garnen, die für jede Farbkombination in der Kollektion verwendet werden, ist die endgültige Farbe von Canvas tatsächlich eine Kombination von bis zu sechs Farbtönen. Dies erzeugt einen seidigen Taft-ähnlichen Zwei-Ton-Effekt, der Ridolfos Bezugnahme auf Schmetterlingsflügel sinnvoll erscheinen lässt. Ridolfo beschreibt die neue Farbgebung von Canvas so, dass es „eher um die Schaffung von Zwischenräumen und Veränderungsfähigkeit als um bestimmte Farben geht. Wir nehmen 12 Farben, aber diese sind in Skalen unterteilt, die von hell bis dunkel in der gleichen Farbe gehen. Jadegrün. Schwefelgelb. Stachelschweingrau. Ein Grau ist nicht allein, sondern in einer Skala von fünf oder sechs Grautönen vorhanden. Gelb geht von hellgelb bis dunkelgelb. Es geht auch um die Wahrnehmung von Tageslicht und Nachtlicht.“

Ridolfos Hintergrund in der Mode zeigt sich in der Subtilität und Komplexität — der feinen, eleganten Abstimmung — die er in die vergleichsweise seriöse Welt der Einrichtungstextilien bringt. Geboren 1962 in Udine, studierte er an der Domus Akademie in Mailand und schloss die Ausbildung 1985 mit einem Masters in Modedesign ab. Er arbeitete zunächst für Gianfranco Ferré, bevor er seine Karriere als Textil- und Farbberater für die Inneneinrichtungs- und Bekleidungsindustrie begann und unter anderem mit Moroso, Vitra, Camper, Fritz Hansen, Cassina, Haworth, Alias, Hogan und Tod zusammenarbeitete. Seit 2004 arbeitet Ridolfo mit Kvadrat zusammen, wo er für einen formprägenden Wechsel von den starken grafischen Farben des skandinavischen Designs des 20. Jahrhunderts zum nuancierten Ansatz dessen, was er als „Zwischenfarben“ beschreibt, verantwortlich ist.

Dieser Dialog zwischen Norden und Süden ist für Canvas bestimmend. Ridolfo wurde von der Landschaft der dänischen Ostküste inspiriert: der Halbinsel Djursland in Jütland, wo Kvadrat liegt, und der Stadt Skagen. Als abgelegener nördlicher Fischereihafen war Skagen ein Magnet für Maler während des dänischen Goldenen Zeitalters, die angezogen wurden von der dunklen Küste und der Qualität des Nordlichts, das weich ist, aber starke Farbkontraste zulässt. Die Küstenlandschaft in Skagen ist auch die Gegend, an der sich die Ostsee und die Nordsee treffen, und ozeanische Blau- und Grautöne verweben sich wie Garne auf einem Webstuhl. In den späteren Jahren der Künstlerkolonie von Skagen, wird dem Maler P. S. Krøyer wird zugeschrieben, dass er eine Verlagerung des Fokus vom Naturalismus auf poetischere Themen und Farbgebungen gefördert hat. Er selbst wurde besonders von der „blauen Stunde“ angezogen: dem Moment am Abend, wenn der Himmel sich zu verdunkeln beginnt und mit dem Meer verschmilzt. Canvas ist der Versuch von Ridolfo, etwas von dieser atmosphärischen Veränderlichkeit einzufangen.

Wenn Stabilität und Einheitlichkeit die Ziele der Massenproduktion sind, ist Ridolfos Streben nach Veränderbarkeit, Variation und sogar Unvollkommenheit eine Herausforderung, die aktuelle Fragen rund um industrielle Produktion und Handwerkskunst aufwirft. „Ich wollte die Grenzen der industriellen Produktion verschieben — eine ausgeklügelte Technik entwickeln, um schönere Farben, komplexere Farben, eine Unvollkommenheit und Komplexität zu schaffen, die mehr in Mode als in Innenräumen zu finden sind. Wenn Sie eine Kollektion von J. W. Anderson sehen, dann verstehsen Sie, wie Unvollkommenheit benutzt werden kann. Renny Ramakers, Mitbegründer von Droog Design, betrachtet diesen Kult der Unvollkommenheit in einem weiteren sozialen Kontext: „Das gegenwärtige Interesse an Unvollkommenheit ist eine Antwort auf die alles beherrschende perfektionistische Technologie unserer Zeit, die menschliche Defizite noch mehr in den Hintergrund drängt.“ Während Fortschritte bei Farbtechnologien und digitalen Systemen es den Designern ermöglichen, eine nahezu unendliche Palette zur Verfügung zu haben, ist wohl die Leichtigkeit, mit der eine virtuelle Palette in der Welt des Computerbildschirms perfekt zusammengebaut werden kann, für die banale Einfärbung vieler gestalteter Umgebungen verantwortlich. Im Gegensatz dazu befürwortet Ridolfo einen durchdachteren Ansatz, der Material als Ausgangspunkt nimmt und die Farbe wieder in ihrem kulturellen Kontext verwurzelt.